Einige hatten sich Sorgen gemacht. Mein letzter Eintrag habe so depressiv geklungen. Hier die Entwarnung: Falafel auf der Oranienstraße, Fotos im Martin-Gropius-Bau und ein Frühstück im Eckrestaurant unter mir haben mich schnell mit Berlin versöhnt.
Nach insgesamt neun Monaten in Hamburg, Accra und Washington, mit Stopps in Berlin, Jerusalem und New York bleibe ich nun an der Spree.
Jetzt beginnt eine neue Reise. Sie führt mich nicht in andere Länder, sondern in Unibibliotheken und Professorenbüros. Das Ziel lautet: Magisterabschluss. Darüber werde ich hier nicht bloggen. Seite3 macht heute dicht.
Dies war mein erster Blogversuch. Es hat viel Spaß gemacht. Was die Statistiken gezeigt haben: Viele Leute hat Google hierher gespült, andere sind regelmäßig von selbst vorbeigekommen. Ich danke für die Aufmerksamkeit, insbesondere denjenigen, die gelobt, kritisiert oder in irgendeiner Form Feedback gegeben haben.
Hiermit erkläre ich diesen Blog für geschlossen. Wir sehen uns im richtigen Leben.
Berlin macht es einem manchmal nicht einfach. Schneeregen, von oben und von der Seite, Schneematsch von unten. So begrüßte mich die Stadt, als ich auf dem Flughafen Tegel ankam.
In Washington hat es in zwei Monaten sieben, acht Mal geregnet, in Accra viele Wochen gar nicht. Vielleicht deprimierte mich das Berliner Grau, weil ich ahnte, dass es die nächsten Monate hier so bleibt.
Vielleicht war es aber auch der 128er-Bus. Mit ihm fuhr ich vom Flughafen zur U8. Es ist die wohl deprimirendste Busstrecke, die Berlin zu bieten hat. Es beginnt mit grauen Militärkasernen und geht weiter mit grauen Nachkriegsbauten auf der Höllanderstraße. Dazwischen ein McDonald’s und ein Einkaufszentrum. Reinickendorfer Tristesse.
Ich bin wohl verkatert, vom Reisen, nicht vom Trinken. Doch gegen beides hilft schlafen. Das habe ich von getan, von nachts um drei bis um fünf nachmittags. Der Jetlag macht’s möglich. Und als ich aufwachte, war vom Berliner Grau nichts zu sehen. Es war bereits dunkel.
Dass dieser Tag einmal kommen würde, war klar. Ich hatte auch gewusst wann. Und dennoch: Als es soweit war, kam er dann ziemlich plötzlich, mein letzter Tag in Washington.
Die letzten 24 Stunden in der Stadt begannen mit Abschied: gestern nachmittag Kuchen mit den Kollegen im Studio, abends dann das Abschiedsbier mit Freunden.
Heute früh noch etwas Sightseeing: Von den vielen Denkmälern für Kriege und Präsidenten in der Stadt habe ich mir die beiden interessantesten für den Schluss aufgehoben – das Vietnam Veterans Memorial und den Gedächtnispark für Franklin Delano Roosevelt.
Gedenken an Vietnam. Auf der Memorial Wall sind die Namen von 58.256 Toten und Vermissten eingraviert.
Von FDR ging es zurück nach Hause zum Kofferpacken. Und dann der letzte Stopp in der Stadt: das Watergate-Hotel. Weiterlesen »
Am Wochenende habe ich wenig Tageslicht gesehen. Drei Tage war ich von früh im spät im Museum. Die Bilanz: zwei Volltreffer und ein Reinfall. Vergessen wir den Reinfall. Was das Herz eines Studenten der US-Geschichte und eines Journalisten hat höher schlagen lassen: die National Archives und das Newseum. Die meisten Museen in D.C. sind gratis. Dafür verlangt das Newseum gleich 20 Dollar. Doch für mich hat sich davon jeder Cent gelohnt. Hier einige Stationen auf meinem Museums-Marathon:
National Archives: Hier darf man nicht blitzen, genau hinschauen aber schon. Die Frau guckt auf die Verfassung, der Mann auf die Unabhängigkeitserklärung.
Ohne ihn gäbe es keinen Präsidenten Obama. Der zweite Verfassungsartikel.
Newseum: Die Antenne vom Nordturm des World Trade Centers.
Gestern hatte ich meinen ersten Half-Smoke. Nein, ich habe nicht das Rauchen angefangen. Was sich nach einer halben Zigarette anhört, ist ein Hot Dog – nicht irgendeiner, sondern der Washington-Hot-Dog. In Ben’s Chili Bowl gibt es die Half-Smokes mit Chili, Senf, Zwiebeln und einer großen Portion gelebter Geschichte.
Ben’s Chili Bowl, mitten auf der U Street, ist dieses Jahr fünfzig geworden. Dieser “Treffpunkt des schwarzen Washingtons” (Washington Post) hat viel erlebt in den letzten Jahrzehnten. Weiterlesen »
Mein erstes Thanksgiving. Hier der Live-Blog dazu. Die erste Regel, die ich von meinen Mitbewohnern gelernt habe: Wein gehört dazu. Ab geht’s! Zusammen mit modernerperformer.wordpress.com
+++ 23.13: Schluss. Meine Mitbewohner, die mittags um 12 ihr erstes Glas Wein hatten, steigen auf ihre Fahrräder und fahren noch in die Bar “Raven”. Ich bleibe hier und sage Danke für mein erstes Thanksgiving – schön war’s.
+++ 21.39: Abgetischt. Dann wurden erst einmal offensive Witze erzählt. Dabei immer wieder am Wein genippt, der vorzügliche Karotten-Kuchen angeknabbert und eine kurze Einführung in die Bedeutung von Jim Webb für Obamas Sieg in Virginia gegeben. Und dann wurde der Tanz eröffnet.
Ganz im Süden Brooklyns stand von den 1880ern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts der größte Vergnügungspark der Vereinigen Staaten: Coney Island. Millionen New Yorker strömten im Sommer hierher – viele von ihnen jedes Wochenende. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden hier statt neuer Fahrattraktion Wohnblöcke gebaut, während Disney World und die Parks der Filmstudios Coney Island den Rang abliefen.
Spaß ist seltener geworden in Coney Island. An Sommertagen kommen noch tausende hierher – der Strand ist schön, es gibt noch einige Karrussells und Imbissbuden. Doch an einem Montag im November rattert keine Achterbahn, es schreit kein Kind nach Zuckerwatte. Auf dem Boardwalk schieben Rentner ihre Gehwagen spazieren, am Strand laufen einzelne Jogger. Die Windböen vom Atlantik scheppern gegen die heruntergelassenen Rollläden der Imbissbuden. Und ein Trupp Bauarbeiter zerlegt sorgfältig die Schienen einer alten Kinder-Eisenbahn.
Ein Ball kann im eigenen Tor landen, ein Schuss nach hinten losgehen und eine Bombe – die kann im eigenen Keller explodieren.
Daran wurde ich gestern auf einem Spaziergang durch Manhattans Greenwich Village erinnert, wo der Weather Underground erneut meinen Weg kreuzte. Worin sich Bill Ayers’ Terroristentruppe von der RAF unterschied, hatte Kat am Wochenende erklärt: Sie wollten niemand mit Absicht töten. Unabsichtlich gab es aber Tote.
Im März 1970 bastelten Mitglieder der Gruppe im Village mit Dynamit und Dachnägeln eine Bombe. Bis heute ist nicht klar, welches Regierungsgebäude sie damit angreifen wollten. Was klar ist: Die Bombe explodierte bereits im Keller, tötete drei Weathermen, darunter Bill Ayers’ damalige Freundin, und verwandelte das Haus in einen Haufen Schutt. Deswegen ragt heute auf der 11. Straße im schicken Village zwischen Fifth und Sixth Avenue aus lauter typischen Altbau-Reihenhäusern dieser Siebziger-Jahre-Bau hervor:
Von Washington nach New York kann man fliegen, für 160 Dollar aufwärts. Man kann den Zug nehmen, ab 140 Dollar. Oder den Chinatown Bus. Der kostet 35 Dollar, hin und zurück. Von Chinatown, D.C. (zwei Häuserblocks und ein Torbogen) geht es nach Chinatown, Manhattan (geschätzte 150.000 Bewohner vom Broadway zur Bowery).
Im unschlagbaren Preis inbegriffen: chinesische Verkäuferinnen, die keine Sekunde mit den gewohnten amerikanischen Freundlichkeiten wie “How are you?” verschwenden und gerne mal die Fahrgäste beschimpfen. Etwa wenn man nachfragt, warum der Preis plötzlich von 35 auf 40 Dollar steigt. Das erklären die älteren Damen dann nicht, sondern keifen: You pay or you stay! Herrlich, eine Servicewüste mitten in Amerika. Ich habe übrigens bezahlt und bin nun in New York. Zum Kurzurlaub bei alten Freunden, nachdem ich meinen letzten Tag beim Fernsehen hatte. Angekommen bin ich hier am East Broadway:
Meine Woche endete, wie sie begonnen hatte: mit Terroristen, die vor 40 Jahren gegen den Staat bombten und ueber die zuletzt wieder viel gesprochen wurde. Am Montag sprach Bill Ayers, und gestern abend lief im American Film Institute eine Ostkuesten-Premiere: “The Baader Meinhof Complex”. Stefan Aust, der vor ueber 20 Jahren den gleichnamigen Bestseller geschrieben hatte, war in der Stadt. Vor dem Film gab der deutsche Botschafter einen Empfang. Bei Schnittchen und Wein plauderte Aust dort mit den versammelten deutschen Washington-Korrespondenten. Nach dem Film beantwortete der ehemalige Spiegel-Chef Fragen des Publikums.
Was sagt einem die RAF-Geschichte heute, fragte ein Zuschauer. Weiterlesen »
„I was created as a monster to bring Obama down“, sagt der kleine Mann hinter dem Rednerpult in der All Souls Unitarian Church. Er hat für kein politisches Amt kandidiert, er trat weder im Fernsehen noch auf einer einzigen Wahlkampfveranstaltung auf, und doch war er eine der Hauptfiguren im Wahlkampf. Ein Gespenst, über das ständig gesprochen wurde, selbst aber nie zu sehen war. Für Sarah Palin und John McCain war der Mann die Steilvorlage für ihre Behauptung, dass sich Barack Obama mit Terroristen herumtreibe.
Sein Name: Bill Ayers. Seine Kurzbiografie: Industriellensohn, Studentenführer, Bombenleger, Bildungsforscher, Uniprofessor. Von 1969 bis 1971 verübte der radikale Kriegsgegner Bombenanschläge auf das Pentagon, das Capitol und andere US-Regierungsgebäude. Mitte der 90er hat er sich mehrmals mit Obama getroffen, einmal zum Abendessen, mehrmals in Verwaltungsräten.
Ayers ist heute nach Washington gekommen, um über Bildung und Schulpolitik zu sprechen. Doch er weiß, dass sich viele der etwa 200 Zuhörer für ein anderes Thema interessieren. Weiterlesen »
Zwei Pressestatements hat Angela Merkel gestern in Washington abgegeben. Ich habe die Sekunden vor dem zweiten Statement am Nachmittag gefilmt. Wie die Kanzlerin von lustig auf ernst umschaltet. In den Nebenrollen: Peer Steinbrück und die Visitenkarte eines Botschaftsmitarbeiters, die auf dem Boden lag.
Ein Wochenende lang haben sich die Staats- und Regierungschefs der zwanzig größten Industriestaaten hier in Washington getroffen, um das Weltfinanzsystem zu retten. So liest man es heute überall. Ein Wochenende lang? Tatsächlich haben die Kanzlerin und die deutsche Delegation gerade einmal 23 Stunden in der Stadt verbracht. Wie viel Zeit dabei für die Arbeitssitzungen auf dem Finanzgipfel blieb: dreieinhalb Stunden.
Hier ein Blick in Angela Merkels Terminkalender:
Freitag, 14. November
17.00 Landung auf dem Flughafen Dulles International
18.30 Ankunft am Weißen Haus. „Begrüßung durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Herrn George W. Bush“
19.15 Abendessen der Staats- und Regierungschefs im Weißen Haus
21.00 Hintergrundgespräch mit Journalisten im Hotel Hay Adams
Angela Merkel ist in der Stadt, wegen des Finanzgipfels. Auch sonst fühlt sich Washington momentan sehr nach Berlin an. Nach sechs Wochen sonnigem Herbst: gestern heftiger Dauerregen, heute grauer Himmel und Nieselregen. Im American Film Institute konnte am Abend man die Berliner Philharmoniker auf ihrer Asien-Tour begleiten. Auf der Linie S2 wünschen die Busfahrer gewöhnlich jedem Fahrgast beim Einstieg einen guten Morgen. Doch heute, als ich ein paar Augenblicke nach meiner Fahrkarte suchte, baffte mich der Fahrer an: “Come on, get in!”. Schimpfende Busfahrer – mehr Berlin geht nicht.
Hier steht so ziemlich alles, was den Vereinigten Staaten heilig ist: vom Capitol im Osten bis zum Lincoln Memorial im Westen. Und wer dieser Tage durch die National Mall im Zentrum Washingtons spaziert, kommt auch nicht am neuesten Heiligtum dieses Landes vorbei: Barack Obama.
Vor dem Capitol wird schon geschraubt und geschweißt für die Amtseinführung des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten am 20. Januar. Und vor dem Lincoln Memorial hat die NGO Avaaz Pappwände aufgestellt, auf die man seine Botschaften, Wünsche, Briefe an den zukünftigen Präsidenten schrieben kann.
Am Samstagnachmittag drängelten sich Dutzende um die Wände, um noch weiße Flecke für ihre Worte zu finden. Ich sah einem Jungen zu, vielleicht 10 Jahre alt, wie er seine kleine Botschaft an Obama krizelte: “1st Black President of the US. We are so proud.”