Das Feuer muss weiterbrennen, sonst hat sich die ganze Mühe nicht gelohnt. Also stochert Mohammed mit einem Besenstiel in den kleinen Flammen herum. Das Feuer facht auf, die Flammen leuchten blau und orange, dazwischen sprühen grüne und violette Funken. Was zu Mohammeds Füßen zischt und ihn nun in schwarzen Rauch hüllt, ist ein alter Computerbildschirm.
Der 14-Jährige verbrennt das komplette Innenleben des Monitors. Das, an was er gelangen will, steckt im Inneren, hinter der Isolierung der Drähte: Kupfer. Das Metall verkauft Mohammed, ein Kilo bringt 2 Cedi 50, das sind etwa 1 Euro 50.
Die Monitore, die Mohammed mitten in Accra auf dem Schrottplatz neben dem Agbogbloshie-Markt verbrennt, standen einmal auf Schreibtischen in Deutschland, den USA oder Skandinavien. In Agbogbloshie landet der Elektroschrott der westlichen Welt und macht Mensch und Natur in Accra krank.
Was Mohammed auf dem Weg zum Kupfer abbrennen muss, ist eine giftige Mischung: Blei, Kadmium, Quecksilber, toxische Flammschutzmittel. Die hochgiftigen Dämpfe atmen Mohammed, seine Freunde und Dutzende andere Kinder und Jugendliche jeden Tag ein. Ohne Schutzkleidung oder Atemmaske hüllen sie sich selbst und den Platz in schwarze Rauchschwaden. Quecksilber und Blei sickern in den Boden und verpesten den Odawna-Fluss, der sich träge durch Accra ins Meer schiebt.
Ich frage Mohammed, ob ihn das Verbrennen krank macht. Er schaut auf den Boden und sagt leise: Ja. Aber es bringt halt ein bisschen Geld.
Am Wochenende habe ich eine Ahnung davon bekommen, was es heißen kann, wirklich arm zu sein: Etwa seine Gesundheit zu ruinieren für ein paar Euro am Tag.
Zwei Tage später. Dieselbe Stadt, nur ein paar Kilometer weiter nördlich. Eine frische Brise weht über die Hügel am Nordrand Accras und durch die offenen Türen in das Audimax der University of Ghana. Zu den Rhythmen traditioneller Trommler marschieren die Ordinarien der Universität und Staatspräsident John Agyekum Kufuor in den geschmückten Saal. Kufuor ist gekommen, um den 60. Geburtstag der Universität zu feiern und den neuen Kanzler der Hochschule ins Amt einzuführen: Kofi Annan. Im Publikum sitzt dicht an dicht die Elite des Landes: die Spitzenkandidaten der großen Parteien NPP und NDC, die im Dezember die Nachfolge Kufours antreten wollen, traditionelle Chiefs, Botschafter, Firmenbosse. Das Fernsehen überträgt live, die Ghanaian Times hat zwei Reporter und zwei Praktikanten geschickt.
Präsident Kufuor lobt in seiner Rede lang und breit „His Excellency Mr. Annan“. Dann dreht er sich zur Seite, schaut Annan an und wechselt die Anrede: „Kofi, you have served the world with distinction and you have brought honour to Ghana. I am confident that under your leadership the university will achieve greater heights and shine even more.“
Die University of Ghana ist die Vorzeigehochschule im Land. Kufuor und später Annan sprechen viel von den Möglichkeiten und dem enormen Potenzial der Uni, Ghanas und Afrikas. In der Feier mischt sich eine große Portion Zukunftsglaube mit traditionellen Trommel- und Tanzeinlagen. Was kann dieses stolze Land denn noch aufhalten, frage ich mich, als wir die Zeremonie vorzeitig verlassen.
Wir müssen in die Redaktion, um aus der Feier schnell die Titelgeschichte zu basteln. Als wir vom Fahrdienst des Staatspräsidenten zur nächsten Trotro-Station chauffiert werden, bleibt ein kurzer Moment, um den Ausblick von den Hügeln zu genießen. Ich lasse den Blick über Accra schweifen. Von hier oben sieht die Stadt friedlich aus, beinahe idyllisch. Doch dann bleibt mein Blick haften an den schwarzen Rauchschwaden, die über Agbogbloshie aufsteigen.











Hey Fab,
lesen sich gut Deine Berichte! Viel Informationen, kurze Sätze, saubere Arbeit, Kerle… Okok, den Bossy-Powertalk mal beseite: die Distanz mit der Du Situationen beschreibst empfinde ich als sehr heilsam. Ist ja nicht immer einfach, alltägliche Armut und ihre Konsequenzen zu beschreiben ohne in die Mitleidsfalle zu tappen, dem Zynismus auf dem Leim zu gehen oder zum Schulterklopfer zu werden.
Alles Gute für den weiteren Job und als kleines Schmankerl noch einen Insiderbericht: Die Titanic Redaktion zu Besuch bei Focus (http://www.youtube.com/watch?v=yTuELrJieDE)
Beschte Grüße,
Richie
Warum warst Du denn bei Mohammed? Für einen Artikel? Aus Interesse? Zufall? Jedenfalls sehr interessant.
Für eine Geschichte. Dreimal war ich mittlerweile bei den Jungen, die den Schrott verbrennen. Diese Stunden waren für meine Lungen härter als ein Jahr Berliner Feinstaub. Mehr bald auf seite3.
Die Sache mit dem „burning waste“ musste ich auch mit erschrecken feststellen, an den Geruch der ueber der ganzen Stadt liegt muss man sich erstmal gewoehnen. Ich glaube nach nicht ganz einer Woche rieche ich es schon gar nicht mehr, es sei denn hier im Camp wird mal wieder kraeftig verbrannt